Dienstag, 2. Juni 2026

[Rezension] "Gretas Männer" von Judith Reusch

 


ᵂᵉʳᵇᵘⁿᵍᐟᴿᵉᶻᵉⁿˢⁱᵒⁿˢᵉˣᵉᵐᵖˡᵃʳ

Ich will euch heute von einem Buch erzählen, das mich echt gepackt hat. Es heißt "Gretas Männer" von Judith Reusch.


Da ist Greta, 86 Jahre alt. In ihrem Dorf und ihrer Familie ist sie eine Legende, aber im schlechten Sinne. Sie war fünfmal verheiratet und vier dieser Männer sind gestorben. Die Leute zerreißen sich das Maul, nennen sie die „Bienenkönigin“, die ihre Männer quasi „verbraucht“. Ihre eigene Tochter Marie ist so voller Hass, dass sie seit 30 Jahren kein Wort mit ihr gewechselt hat.


Der Clou ist Lola, Gretas Enkelin. Sie pfeift auf das Familiendiktat und sucht ihre Oma auf. Und dann fängt Greta an zu erzählen.


Was mich beim Lesen echt beeindruckt hat, war dieser krasse Unterschied. Auf der einen Seite das Bild der „Femme fatale“, das die anderen von ihr gezeichnet haben. Und auf der anderen Seite die echte Greta. Eine Frau, die eigentlich nur ihr Leben meistern wollte. Sie ist gelernte Schneiderin, liebt Stoffe und hat sich durch die Jahrzehnte gekämpft, von den Nachkriegsjahren bis heute.


Die Autorin schreibt das so nahbar, dass man Greta zwischendurch in den Arm nehmen will. Sie ist nicht perfekt, sie hat Fehler gemacht, aber sie ist authentisch.

Besonders heftig fand ich die Figur der Tochter Marie. Sie ist so in ihrer Wut gefangen, dass man beim Lesen manchmal richtig Aggressionen bekommt, weil sie so stur ist. Aber genau das macht den Roman echt. Familien sind oft kompliziert und nicht jeder verträgt sich am Ende bei Kaffee und Kuchen.


Die Familienkonflikte werden so anschaulich zu Papier gebracht, dass man oft gar nicht weiß, auf wessen Seite man stehen soll. Am Ende hat alles irgendwo seine Berechtigung. Marie nervt, ja, aber auch solche Menschen gibt es in jeder Familie.



Die drei Frauen: Ein Geflecht aus Schweigen und Sehnsucht


Das Herzstück des Romans ist das Spannungsfeld zwischen drei Frauen, die völlig unterschiedlich mit ihrer Geschichte umgehen.


Greta (Die „Bienenkönigin“):


Mit 86 Jahren blickt Greta auf fünf Ehen zurück. In ihrer Familie ist sie eine Legende im negativen Sinne – man nennt sie die Bienenkönigin, weil sie ihre Männer angeblich „verbraucht“ hat. 

Doch wer ist Greta wirklich? 

Sie ist eine unglaublich starke, zierliche und integere Frau. Sie hat bedingungslos geliebt, ohne Erwartungen zu stellen, und musste schmerzhaft lernen, dass manche Menschen nur lieben können, wenn sie einen Nutzen daraus ziehen. Greta ist eine Macherin, eine Schneiderin, die ihr ganzes Leben lang mit Stoffen gearbeitet hat. Diese Bodenständigkeit ist ihr Anker.


Marie (Die Wütende):


Gretas Tochter Marie hat mich beim Lesen oft fassungslos zurückgelassen. Sie ist dauerhaft wütend. Seit Jahrzehnten verweigert sie jeden Kontakt zu ihrer Mutter, Greta ist für sie eine „Persona non grata“. 

Marie ist emotional oft unberechenbar, empathielos und flüchtet sich in Sturheit, wenn sie ihren Willen nicht bekommt. Sie ist das mahnende Beispiel dafür, wie unverarbeiteter Groll ein ganzes Leben vergiften kann.


Lola (Die Brückenbauerin):


Maries Tochter Lola ist diejenige, die den Mut aufbringt, die Mauern einzureißen. Als sie ihr eigenes Kind bekommt und es ausgerechnet Greta nennt, provoziert sie den endgültigen Bruch mit Marie. Lola will die Wahrheit wissen. 

Die Beziehung zu ihrer Großmutter Greta ist wunderschön: Es ist eine Annäherung gegen alle Protokolle. Lola findet bei Greta die Wärme und Ehrlichkeit, die sie bei ihrer Mutter immer vermisst hat.


Die Männer: Ein ungewöhnlich positives Bild


Was Judith Reusch hier macht, ist erfrischend: Die Männer kommen in diesem Buch besonders gut weg. Es gibt keinen Männerhass, sondern eine Wertschätzung für emotionale Präsenz.


Gretas fünf Ehemänner: 


Sie waren keine Statisten. Besonders Gernot, ihr fünfter Mann, bleibt im Gedächtnis. Er war früher Frauenarzt und ist nun dement. Er erinnert sich nicht mehr an die 30 Jahre mit Greta, aber sein feiner Geist ist immer noch da. Die Männer in Gretas Leben haben ihr Freiraum gelassen und sie unterstützt, statt sie einzuengen.


Maries Mann: 


Er hat wohl den härtesten Job. Er muss Maries ständige Wutausbrüche und ihr Schweigen moderieren. Er ist der stille Fels, der versucht, die Wogen zu glätten, auch wenn er oft an Maries emotionaler Kälte abprallt.


Lolas Mann: 


Er ist der moderne Gefährte. Er unterstützt Lola bedingungslos bei ihrer Spurensuche. Er lässt ihr den Raum, den sie braucht, um mit ihren Dämonen zu ringen, und hält dabei einfach nur die Hand.


Ein Schicksal, das alles verändert: Hedie


Man kann über dieses Buch nicht sprechen, ohne Hedie zu erwähnen. Sie ist die entwicklungsverzögerte Tochter von Gretas drittem Mann. Während Marie aus Eifersucht jede Verbindung zu Hedie ablehnt, nimmt Greta das Mädchen mit offenem Herzen an. Dieser Kontrast zeigt Gretas wahre Größe: Sie liebt Menschen so, wie sie sind. Marie hingegen kann nur lieben, wenn sie dafür etwas zurückbekommt.


Der abwechslungsreiche Erzählstil, macht das Ganze lebendig. Dass das Ende nicht „auserzählt“ ist, finde ich großartig. Es passt zu einer Geschichte, die zeigt, dass manche Konflikte eben nicht mit einem Happy End gelöst werden, sondern mit der Akzeptanz, dass jeder seine eigene Wahrheit hat.


Es ist ein Buch über das Älterwerden, über Vorurteile und darüber, dass man sich seine eigene Meinung bilden muss, bevor man jemanden abstempelt. Es ist kein lautes Buch. sondern eine Geschichte die nachhalt.


Danke an Judith für das tolle Bloggerpaket. 


#GretasMänner #JudithReusch 

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